Wir haben uns für dich umgehört und einer Reihe von Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft interessante Fragen rund um die Nidda gestellt. Alle befragten Institutionen fühlen sich der Nidda sehr verbunden und gehören dem Projekt NiddaMan an, das sich mit der Entwicklung eines nachhaltigen Wasserressourcen-Managements beschäftigt.

Fragen an die Experten

Bundesanstalt für Gewässerkunde

  1. Im Rahmen von NiddaMan untersucht die Bundesanstalt für Gewässerkunde Umweltschadstoffe in der Nidda. Treten in der Nidda andere Schadstoffe als in anderen Flüssen auf? Wenn ja, warum?

    Nein, im Allgemeinen ist die Belastung mit anthropogenen Spurenstoffen vergleichbar mit anderen Flüssen, in die Kläranlagen gereinigtes Abwasser emittieren. Stoffe, die in Kläranlagen eingetragen und dort nicht vollständig entfernt werden, gelangen in die Flüsse. Die Konzentrationen eines kläranlagenbürtigen Stoffes im Fluss sind abhängig vom Abwasseranteil im Vorfluter und von den Reinigungsleistungen der jeweiligen Kläranlagen für die entsprechenden Stoffe. Die Kläranlagen im Nidda-Einzugsgebiet spiegeln den normalen Stand der Technik in Deutschland wider.

    Spezifische und teils etwas höhere Einträge von Arzneistoffen in die Nidda ergeben sich u.a. durch die Kläranlagen an Zuflüssen, in die über die Abwässer von Kurbetrieben bestimmte Arzneistoffe in höheren Konzentrationen eingetragen werden. Außerdem ist das Einzugsgebiet der Nidda stark landwirtschaftlich geprägt, sodass insbesondere in den Frühjahrs- und auch Herbstmonaten verstärkt Pflanzenschutzmittel direkt über Oberflächenabläufe oder über die Kläranlagen in die Nidda und ihre Zuflüsse eingetragen werden.

  2. Welcher Schadstoff ist für den Fluss das größte Problem?

    Das lässt sich so pauschal nicht beantworten. Das ökotoxikologische Potenzial von Einzelstoffen ist nur für die wenigsten Stoffe bekannt. Außerdem lässt sich daraus nicht direkt etwas über die Wirkung auf das Ökosystem des Flusses aussagen. Hinzu kommt, dass im Fluss eine große Anzahl an anthropogenen Spurenstoffen vorkommt und die Wirkung auf die Organismen im Fluss vermutlich von der entsprechenden Mischung der Stoffe und dem Einfluss zusätzlicher Stressoren wie z.B. defizitäre Gewässerstrukturen, Neobiota, Sauerstoffmangel und Temperaturstress abhängig ist. Deshalb werden genau diese Zusammenhänge auch im Projekt NiddaMan im Detail untersucht.

  3. Ist die chemische Wasserqualität in renaturierten Abschnitten besser als im restlichen Fluss?

    Die chemische Wasserqualität wird primär durch unterschiedlich starke Einträge von Stoffen aus z.B. Landwirtschaft oder durch Kläranlagen bestimmt. Im Fluss können Substanzen insbesondere durch Mikroorganismen und Sonnenlicht abgebaut werden. Genauer genommen werden die Stoffe meistens nicht vollständig entfernt, sondern nur in andere Stoffe umgewandelt. Es ist davon auszugehen, dass der Abbau durch Mikroorganismen insbesondere in Kontakt mit den Sedimenten stattfindet. Stark mäandrierende Flussläufe, wie in einigen renaturierten Abschnitten, zeichnen sich meistens durch eine stärkere Wasser-Sediment-Interaktion und eine längere Aufenthaltszeit des Wassers aus. Dies könnte auch einen verbesserten mikrobiellen Abbau zur Folge haben. Bisher sind dies aber Vermutungen, die u.a. auch im Rahmen des NiddaMan-Projektes näher untersucht werden sollen. Generell besteht die besondere Herausforderung darin, dass renaturierte Abschnitte oftmals zu kurz zur Bestimmung von Abbauleistungen sind und verschiedene Flussabschnitte nicht ohne weiteres miteinander verglichen werden können.

Brandt Gerdes Sitzmann Wasserwirtschaft GmbH (BGS Wasser)

  1. Sie modellieren die Abflüsse der Nidda. Was für ein Modell bauen Sie da und wozu?

    Computermodelle in der Wasserwirtschaft haben die Aufgabe, wesentliche Prozesse und Elemente des Wasserhaushalts nachzubilden. Eingesetzt werden die Modelle für zwei Zwecke: Einerseits, um vorliegende Beobachtungen und Aufzeichnungen nachzubilden sowie zeitlich und räumlich zu verdichten und darauf aufbauend Erkenntnisse bei bislang nicht beobachteten Ereignissen abzuleiten. Zum anderen werden sie eingesetzt, um die Auswirkungen von Veränderungen am Gewässer oder in seinem Einzugsgebiet auf die Abflussverhältnisse zu untersuchen.

    Im Projekt NiddaMan kommen entsprechend der jeweils zu untersuchenden Fragestellung verschiedene Modelltypen zum Einsatz. Ein „Supermodell“, das sämtliche Fragen bezüglich des Abflussgeschehens beantwortet, gibt es nicht. Für die Bilanzierung des Wasserhaushalts über einen längeren Zeitraum (Tage bis Jahre) im gesamten Einzugsgebiet der Nidda sind bspw. Prozesse, die im Boden stattfinden relevant, während für die Frage nach Hochwasserspitzen (Minuten oder Stunden) diese Prozesse vernachlässigbar werden.

  2. Wie unterscheidet sich in ihrem Modell ein renaturierter Flussabschnitt von einem begradigten und kanalisierten Flussabschnitt?

    Begradigte Gewässer weisen einen gestreckten Verlauf, einen möglichst kompakten und in Längsrichtung gesehen möglichst gleichmäßigen Querschnitt und „glatte“ Sohlen bzw. Ufer (keine Büsche und Bäume im Querschnitt bzw. nur im oberen Böschungsbereich) auf. Naturnahe oder renaturierte Gewässer besitzen demgegenüber einen gewundenen Verlauf (und damit ein geringeres Gefälle), gegliederte, sich in Fließrichtung verändernde Querschnitte und „raue“ Sohlen und Ufer (Büsche und Bäume auch im unteren Teil des Querschnitts, Grobstrukturen an der Sohle). Die unterschiedlichen Eigenschaften des Gewässerverlaufs können in den Modellen durch Parameter zur Abbildung der Gewässerprofile (z.B. Querschnittsgeometrie, Fließweg, Gefälle und Rauhheiten) berücksichtigt werden.

  3. Wie lange braucht das Wasser aus der Nidda-Quelle im Vogelsberg bis zur Mündung in den Main?

    Der Fließweg beträgt etwa 90 km. Wenn man von einem konstanten Wasserstand in der Niddatalsperre ausgeht (was außerhalb von Hoch-und Niedrigwasserzeiträumen zulässig ist) und eine mittlere Fließgeschwindigkeit von 1 m/s (3,6 km/h) ansetzt, braucht das Wasser von der Quelle bis zur Mündung ziemlich genau einen Tag.

Eberhard Karls Universität Tübingen

  1. Sie untersuchen im Projekt NiddaMan die Auswirkungen des Niddawassers und der -sedimente auf Fische. Was sind die Auswirkungen und was bedeutet das für die Fische in der Nidda?

    Der eine Teil unserer Untersuchungen fokussiert sich auf die Histopathologie. D.h. wir fertigen Gewebeschnitte der Fischorgane an. Unter dem Mikroskop lassen sich Schädigungen, wie z.B. Entzündungen, Nekrosen etc. erkennen, die uns Aufschluss über den Gesundheitszustand der Fische geben können.

    Des Weiteren werden Labortests mit sogenannten Biomarkern durchgeführt.

    Stark hormonbelastete Gewässer können beispielsweise eine Verweiblichung der Tiere begünstigen, was wiederum Probleme bei der Fortpflanzung zur Folge haben kann. Andere (gentoxische) Substanzen können zum Beispiel zur Bildung von Geschwüren führen.

    Grundsätzlich ist aber der Grundlevel an Stress, den die Fische durch die stetige Stoffbelastung erfahren, das weitverbreitetste Problem. Denn dieser beeinträchtigt die Fähigkeit, Auswirkungen natürlicher Stressoren (z.B. hohe Temperaturen, Nahrungsmangel, Trockenperioden, etc.) zu kompensieren, macht sie anfälliger für Parasiten und Krankheiten und kann letztendlich zu erhöhter Sterblichkeit führen. 

  2. Was ist die größte Belastung für die Fische, die in der Nidda leben?

    Ich denke, es ist schwer möglich, die eine Belastung zu definieren, welche den Fischen am meisten zu schaffen macht. An der Nidda gibt es verschiedenste Eintragsquellen, von Kläranlagen über Landwirtschaft und Industrie usw. Wenn man da etwas als größte Belastung anführen will, dann ist es wohl die Vielfalt und Menge der einzelnen Substanzen, die eingeleitet werden und denen die Fische damit unweigerlich ausgesetzt sind.

  3. Leben in renaturierten Abschnitten andere Fische als in begradigten Teilen?

    Grundsätzlich gilt zweierlei: Erstens gibt es immer Arten, die weniger anspruchsvoll sind als andere und die sich auch in strukturarmen Habitaten zuhause fühlen, solange genug Nahrung vorhanden ist. Zweitens ist natürlich nicht von der Hand zu weisen, dass sich die verbesserte Struktur eines Habitats vorteilhaft auf die biologische Vielfalt auswirkt. D.h. eine gut gemachte Renaturierung kann dazu beitragen, dass sich auch anspruchsvollere Fischarten (wieder) ansiedeln und erfolgreich fortpflanzen.

Goethe-Universität Frankfurt am Main

  1. Die Goethe-Universität leitet das Projekt NiddaMan. Warum wurde die Nidda als Forschungsgebiet ausgewählt?

    Die Nidda zählt zu den bedeutendsten Gewässern Hessens und prägt mit 90 km Länge maßgeblich den Naturraum Wetterau. Das Einzugsgebiet der Nidda ist in vielfacher Hinsicht repräsentativ für die Situation in Mitteleuropa. Hier lassen sich zahlreiche Nutzungskonflikte nicht nur beispielhaft  untersuchen, sondern auch modellhaft Lösungen entwickeln. Im Mittelpunkt stehen neben dem unbefriedigenden strukturellen, chemischen und ökologischen Zustand des Gewässers auch die Folgen für zukünftige Entwicklungen. Die veränderte Bevölkerungsstruktur oder der prognostizierte Klimawandel werden auch Änderungen in der Landnutzung und weitere Herausforderungen für eine nachhaltige Bewirtschaftung der Oberflächengewässer mit sich bringen.

  2. Im Projekt untersucht die Goethe-Universität, welche Auswirkungen Schadstoffe auf die Lebewesen in der Nidda haben. Wie finden Sie das heraus?

    Dazu werden mehrere Strategien parallel verfolgt. Zum einen werden die Konzentrationen zahlreicher Schadstoffe in Wasser- und Sedimentproben chemisch-analytisch ermittelt und mit festgelegten Grenzwerten verglichen. Werden diese überschritten, kann dies negative Auswirkungen auf die im Gewässer lebenden Organismen haben. Zum anderen werden Schadstoffwirkungen bei lebenden Organismen direkt im Gewässer und im Labor untersucht und "Reagenzglastests" eingesetzt, um bestimmte „Wirkprinzipien“ zu erfassen. So können hormonähnliche, erbgutverändernde oder zellgiftige  Wirkungen von Schadstoffen untersucht werden. Wir haben beispielsweise für einige Wochen Bachflohkrebse, Schnecken und Forellen in Käfigen in der Nidda und Nebengewässern ausgebracht. Im Anschluss werden wir nun Wachstum, Entwicklung, Fortpflanzung und Überleben der Tiere untersuchen. Parallel werden im Labor unter konstanten Bedingungen Wasser- und Sedimentproben mit lebenden Organismen und „Reagenzglastests“ untersucht. Als dritte Strategie untersuchen wir  ausgewählte Chemikalien, die für die Nidda eine große Bedeutung haben, im Labor auf ihre Giftigkeit für Wasserlebewesen, um, wenn nötig, neue Grenzwerte mit maximal zulässigen Konzentrationen abzuleiten.

  3. Haben die Schadstoffe Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit?

    Diese Frage lässt sich pauschal nicht beantworten. Das hängt sowohl von der Wirksamkeit ("Giftigkeit") einzelner Schadstoffe als auch von der Möglichkeit ab, ob ein Schadstoff vom Menschen in relevanten Mengen aufgenommen wird ("Exposition"). Auch wenn einige der im Wasser nachweisbaren Schadstoffe eventuell für den Menschen giftig sind, wie z.B. Pflanzenschutzmittel, Schädlingsbekämpfungsmittel oder Substanzen, die das Erbgut verändern können, ist die Aufnahme der meisten Schadstoffe über direkten Kontakt mit dem Flusswasser oder den Verzehr von Fischen aus der Nidda in der Regel zu vernachlässigen. Diese Frage steht für das Projekt NiddaMan aber auch nicht im Mittelpunkt, da wir den Menschen als Teil der Umwelt begreifen und das Ziel verfolgen, einen wissenschaftlichen Beitrag für den Erhalt einer intakten und gesunden Umwelt zu leisten. Wenn entsprechend Auswirkungen von Schadstoffen auf Wasserorganismen reduziert werden, die rund um die Uhr und zeitlebens diesen Substanzen ausgesetzt sind, wird auch gleichzeitig unsere Lebensgrundlage und eigene Gesundheit gesichert.

ISOE - Institut für sozial-ökologische Forschung

  1. Im Projekt NiddaMan bringt das ISOE verschiedene Interessengruppen miteinander ins Gespräch. Warum ist es wichtig, die Bevölkerung vor Ort, Unternehmen und Behörden in den Forschungsprozess einzubeziehen?

    Die Frage, wie sich ein nachhaltiges Wasserressourcen-Management erfolgreich umsetzen lässt, kann nicht von der Wissenschaft alleine beantwortet werden, weil dabei unterschiedliche Interessen, beispielsweise zwischen Ökologie und gesellschaftlichen Nutzungen, berücksichtigt werden müssen. Die Bevölkerung vor Ort, aber auch Unternehmen und Behörden, die beruflich sowie in ihrer Freizeit mit der Nidda verbunden sind, haben teilweise jahrelange Erfahrung und spezielle Kenntnisse über den Fluss. Für die Bearbeitung ist es daher wichtig, dass sich die Wissenschaft mit den Experten vor Ort austauscht. Für den Forschungsprozess bedeutet das, dass die Problemsichten, die Erfahrungen und das Praxiswissen dieser Experten mit wissenschaftlichen Fragestellungen und Erkenntnissen zusammengeführt werden. So werden z.B. Konflikte angesprochen, die sich beim Schutz und der Nutzung eines Gewässers ergeben und gemeinsam Lösungen entwickelt, die die unterschiedlichen Ansprüche berücksichtigen.

  2. Wie und von wem wird die Nidda genutzt?

    Das Nidda-Einzugsgebiet ist stark besiedelt und wird intensiv landwirtschaftlich bewirtschaftet und industriell genutzt. Die Menschen im Einzugsgebiet, darunter z.B. Angler, Kanuten, Radsportler und Spaziergänger nutzen das Gewässer und die umliegenden Flächen zur Erholung und für Freizeitaktivitäten. Zugleich werden die umfassenden Regulierungsmaßnahmen, die die Nidda in der Vergangenheit erfahren hat, zum Zweck des Naturschutzes zurückgebaut. Aus diesen unterschiedlichen Ansprüchen und Nutzungen entstehen ganz verschiedene Erwartungen an die Flusslandschaft, die nicht frei von Konflikten sind.

  3. Wie wird mit den unterschiedlichen Erwartungen an die Nidda umgegangen?

    Die unterschiedlichen Erwartungen werden im projektbegleitenden Stakeholder-Gremium diskutiert. Im Stakeholder-Gremium treffen sich VertreterInnen aus Umwelt-, Freizeit-, Wasser- und Abwasserverbänden, der Industrie, der Landwirtschaft sowie der Verwaltung, die alle eine Verbindung zur Nidda haben. Im Dialogprozess werden die unterschiedlichen Erwartungen und damit verbundenen Interessensgegensätze und Konflikte gemeinsam konstruktiv aufgearbeitet und ausgehandelt. Ziel ist es, das Verständnis für die unterschiedlichen Erwartungen und Positionen zu fördern, sodass Maßnahmen an der Nidda in Zukunft noch besser umgesetzt werden können.

    Außerhalb des Projekts NiddaMan werden die unterschiedlichen Erwartungen in Beteiligungsprozessen, wie Diskussionsforen und Runden Tischen der europäischen Wasserrahmenrichtlinie verhandelt.

Karlsruher Institut für Technologie (KIT)

  1. Im Projekt NiddaMan geht es auch um die Wasserqualität als Faktor für die Gewässergüte. Sie wollen das modellieren. Was für ein Modell ist das und wie kommen da Ergebnisse zur Wasserqualität heraus?

    Für die Modellierung wird das am KIT entwickelte Modell MoRE (Modeling of Regionalized Emissions) genutzt. Mit diesem Modell können Stoffeinträge aus verschiedenen Eintragspfaden, wie beispielsweise Kläranlagen oder Kanalisationssystemen, in die Gewässer und daraus resultierende Gewässerfrachten und -konzentrationen berechnet werden. Diese Modellierung erfolgt im Moment auf Jahresbasis und auf Ebene von hydrologischen Einzugsgebieten.

    Im Rahmen des Projekts NiddaMan soll das bestehende Modell um ein Gewässergütemodul erweitert werden. In diesem soll zusätzlich der Transport und Abbau von Stoffen (Stickstoffverbindungen und Arzneistoffe) im Gewässer modelliert werden, um so über Vergleichswerte eine Aussage über die Belastung des Gewässers in den Jahren 2006-2014 treffen zu können. Das Gewässergütemodul wird in Form eines Knoten-Kanten-Modells realisiert. Knoten stellen dabei bestimmte Punkte im Gewässer dar, wie bspw. Einleitungen von Kläranlagen. Kanten stellen Gewässerabschnitte dar, die zwischen zwei Knoten liegen.

  2. Können Sie mit Ihrem Modell Hinweise geben, wo eine schlechte Wasserqualität herkommt? Können Sie damit die Wasserbehörden warnen?

    Mit Hilfe des pfadspezifischen Eintragsmodells kann die Bedeutung der unterschiedlichen Eintragspfade am Gesamteintrag der untersuchten Stoffe ermittelt werden.Dadurch können Eintragspfade mit hohen Einträgen identifiziert werden und Behörden können geeignete Reduktionsmaßnahmen auswählen. Dies können z.B. Maßnahmen an Kläranlagen, wie die Einführung einer weiteren Reinigungsstufe sein. Da die Modellierungsergebnisse für die Jahre 2006-2014 vorliegen, kann auch ein Trend für die Einträge der letzten Jahre aus den verschiedenen Eintragspfaden abgeleitet werden.

    Bei der Modellierung der Gewässergüte mit Hilfe des Knoten-Kanten-Modells werden die insgesamt in einem bestimmten Gewässerabschnitt zu erwartenden Konzentrationen betrachtet. Dadurch können Abschnitte mit vglw. hohen Konzentrationen ausgewiesen werden.

    Mit Hilfe des Modells können keine Echtzeit-Warnungen z.B. bei Unfällen herausgegeben werden. Die Einträge und resultierenden Gewässerkonzentrationen können jedoch unter Berücksichtigung von bestimmten Szenarien, beispielsweise zu Landnutzungsänderungen oder Klimawandel, modelliert werden. So erhalten Behörden einen Hinweis auf die zu erwartenden Veränderungen.

  3. Lassen sich mit Ihrem Modell Aussagen dazu treffen, für welche Tier- und Pflanzenarten ein Fluss geeignet ist?

    An den Universitäten Frankfurt und Tübingen werden im Rahmen des Projekts Untersuchungen zur Wirkung von unterschiedlichen Stoffen auf Organismen durchgeführt. Daraus werden anschließend sogenannte Umweltqualitätsnormen abgeleitet. Bringt man diese Ergebnisse mit den vom KIT modellierten Gewässerkonzentrationen zusammen, wird es grundsätzlich möglich sein, eine erste Einstufung für die einzelnen Gewässerabschnitte anhand des Stoffeintrags vorzunehmen. Jedoch spielen neben dem Stoffeintrag immer auch eine Vielzahl weiterer Faktoren, wie beispielsweise die Gewässerstruktur oder das Vorkommen weiterer Arten eine Rolle. Diese müssen bei solchen Überlegungen ebenfalls berücksichtigt werden.

Technische Universität Darmstadt

  1. Wie funktioniert eine Kläranlage?

    Die grundsätzliche Funktion einer Kläranlage ist es, das Abwasser in einen Zustand zu überführen, von dem keine Gefahr für den Gewässer- und Gesundheitsschutz ausgeht.

    In der ersten Reinigungsstufe erfolgt die Abtrennung von groben Verschmutzungen durch einen Rechen. Hierbei werden z.B. Hygieneartikel aus dem Abwasser entfernt. Der Sand- und Fettfang dient zur Abscheidung von mineralischen Bestandteilen sowie Ölen und Fetten. Nach der groben mechanischen Vorreinigung werden feine organische Bestandteile im Vorklärbecken durch Sedimentation von der flüssigen Phase getrennt. Hierbei können 30 bis 50 % der organischen Stoffe aus dem Abwasserstrom als (Primär-)Schlamm abgezogen werden. 

    Die biologisch-chemische Reinigungsstufe dient zum Abbau organischer Inhaltstoffe sowie zur Entfernung von Stickstoff und Phosphor aus dem Abwasser. Der Abbau findet in einem biologischen Reaktor, dem Belebungsbecken, statt, der mit Hilfe von Bakterien organische Abwasserinhaltstoffe entfernt. Die Bakterien bauen organische Kohlenstoffverbindungen unter Zugabe von Sauerstoff ab. Hierbei werden Stickstoffverbindungen als Ammonium aus den organischen Verbindungen gelöst und von speziellen Bakterien, den Nitrifikanten, mit Hilfe von extern zugeführtem Sauerstoff zu Nitrat oxidiert. Die Oxidation von Ammonium zu Nitrat nennt man Nitrifikation. Das Nitrat wird in einem zweiten Verfahrensschritt, der Denitrifikation zu elementarem Stickstoff abgebaut und so aus dem Abwasser entfernt. Bei der Denitrifikation ist die Zugabe von Sauerstoff nicht notwendig, die Denitrifikanten nutzen zum Abbau den im Nitrat gebundenen Sauerstoff. Die Elimination von Phosphor aus dem Abwasser kann chemisch mit Hilfe von Eisen- oder Aluminiumsalzen sowie biologisch durch Bakterien erfolgen. Häufig werden beide Verfahren kombiniert.

    Das Nachklärbecken bildet mit dem Belebungsbecken eine verfahrenstechnische Einheit. In der Nachklärung wird das Schlamm-Wasser-Gemisch voneinander getrennt. Der abgetrennte Schlamm wird entweder in das Belebungsbecken zurückgeführt oder als Überschussschlamm in der Faulung energetisch verwertet. Dabei wird der Überschussschlamm zusammen mit dem Primärschlamm unter kontrollierten Abbauprozessen, ohne Sauerstoff zu Biogas umgewandelt. Das gereinigte Wasser wird, falls keine weitergehende Behandlung notwendig ist, dem Vorfluter zugegeben.

    Derzeit ist in Deutschland eine vierte Reinigungsstufe in der Diskussion, die eine weitergehende Abwasserbehandlung zur Entfernung von Mikroschadstoffe (z.B. Medikamentenreste, Hormone), antibiotikaresistente Keime, Mikroplastik sowie Phosphor- und Stickstoffverbindungen ermöglicht. Hierzu sind weitere Verfahren in der Abwassertechnik zu implementieren, die z.B. in der Trinkwasseraufbereitung bereits angewendet werden.

  2. Gibt es im Vergleich mit anderen Regionen in Deutschland und der Welt Unterschiede zwischen den Kläranlagen?

    Die erforderliche Reinigungsleistung hängt zum einen von der Größe der Kläranlage und damit von den angeschlossenen Einwohnern ab. Zum anderen muss die Reinigung auf den Vorfluter, also das Gewässer in das das Abwasser eingeleitet wird, angepasst sein. Je nach Reinigungsziel kann sich der Aufbau einer Kläranlage unterscheiden. Grundsätzlich werden in der Abwassertechnik physikalische (mechanische), biologische und chemische Verfahren zur Reinigung eingesetzt.

    Unterschiede in Bezug auf die eingesetzte Verfahrenstechnik gibt es in Deutschland grundsätzlich nicht. Lokal können jedoch unterschiedliche Anforderungen an die Ablaufqualität einer Kläranlage bestehen, die zusätzliche bzw. weitergehende Verfahrensschritte bedingen. Die Reinigungsleistung ist neben der Größenklasse auch von der Sensibilität des Gewässers abhängig. So müssen z.B. Kläranlagen im Einzugsgebiet des Bodensees niedrigere Phosphorkonzentrationen im Ablauf erreichen als Anlagen, die unterhalb des Bodensees in den Rhein einleiten.

    In seinen Grundzügen erfolgt die Abwasserbehandlung auch weltweit nach dem gleichen Prinzip. Abhängig von Faktoren wie Temperatur, Primärenergie und Wasserdargebot werden unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt. Die Wasserwiederverwendung wird zukünftig ein wesentlicher Bestandteil eines nachhaltigen Wasserressourcen-Managements sein. Nicht nur in Bezug auf die landwirtschaftliche Bewässerung in ariden und semiariden Regionen sondern auch in Ballungsräumen auf der ganzen Welt. In ariden und semiariden Regionen, in denen höhere Temperaturen vorherrschen, erfolgt die Behandlung des kommunalen Abwassers nicht nur mit aeroben Verfahren, wie z.B. in Europa, sondern auch mit anaeroben Verfahren. Hierbei werden die höheren Temperaturen (etwa 37 °C), die für anaerobe Systeme benötigt werden, ausgenutzt. Zum Teil wird in Entwicklungs- und Schwellenländern das Abwasser noch ohne Reinigung in den Vorfluter eingeleitet, womit erheblichen Auswirkungen in Bezug auf den Gesundheits- und Gewässerschutz einhergehen.

    Derzeit ist in Deutschland eine vierte Reinigungsstufe in der Diskussion, die eine weitergehende Abwasserbehandlung zur Entfernung von Mikroschadstoffe (z.B. Medikamentenreste, Hormone), antibiotikaresistente Keime, Mikroplastik sowie Phosphor- und Stickstoffverbindungen ermöglicht. Hierzu sind weitere Verfahren in der Abwassertechnik zu implementieren, die z.B. in der Trinkwasseraufbereitung bereits angewendet werden.

  3. Kläranlagen leiten gereinigtes Wasser in die Nidda und ihre Nebenflüsse. Wie hoch ist dieser Wasseranteil und wieso macht man das?

    Der Abwasseranteil im Einzugsgebiet der Nidda ist von der Gewässergröße abhängig und weist saisonale Schwankungen auf. Bei Trockenwetterabfluss kann der Anteil der Kläranlagenabläufe auf den Gesamtabfluss 40 bis 60 Prozent betragen.

    Die Einleitung des gereinigten Abwassers ist historisch bedingt und diente zur Vermeidung von Krankheiten sowie der Schließung des lokalen Wasserkreislaufes. Darüber hinaus verfügen Gewässer über eine Selbstreinigungskraft und können einen geringen Teil des behandelten Abwassers weiter reinigen. Für trockene Regionen mit geringen Niederschlägen oder in dicht besiedelten Gebieten wird die Wasserwiederverwendung in Zukunft notwendiger Bestandteil des lokalen Wasserressourcen-Managements sein.

  4. Ist das Wasser, das aus Kläranlagen in die Nidda geleitet wird, wirklich sauber?

    Die Definition von „sauber“ ist von dem Vergleichswert abhängig. Abwasser ist ein Vielstoffgemisch und wird während der Behandlung nicht von allen Inhaltstoffen befreit. Dennoch kann der Abfluss der Kläranlage, der die jeweiligen Reinigungsstufen durchlaufen hat, als sauber bezeichnet werden. Der Kläranlagenablauf erfüllt die gesetzlichen Vorgaben, wobei eine Minimierung und nicht die vollständige Elimination der enthaltenen (Schad-)Stoffe vorgeschrieben ist.

    Die derzeitig eingesetzten Systeme sind nicht darauf ausgelegt, Mikroschadstoffe oder (antibiotikaresistente) Keime effektiv zu entfernen. Sollte das Wasser für die Trinkwasserherstellung verwendet werden, sind weitere Verfahrensschritte notwendig.

    Mit der Zunahme der Kenntnisse bezüglich der Zusammensetzung und Wirkweise von Abwasserinhaltstoffen auf Mensch und Umwelt geht die Installation und Erweiterung von Behandlungsverfahren einher. Die Forschung hat in den vergangenen Jahren gezeigt, dass selbst geringe Stoffkonzentrationen Auswirkungen auf die aquatische Umwelt haben.

Hessisches Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG)

  1. Was ist die Aufgabe des HLNUG bei der Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie?

    Zu den Aufgaben des HLNUG gehört zum einen die Überwachung der Oberflächengewässer hinsichtlich bestimmter biologischer Faktoren (Welche Fische, Fischnährtiere, Wasserpflanzen, Kieselalgen, planktische Algen gibt es im Gewässer?), der Hydromorphologie (Wie ist der Abfluss, wie die Gewässerstruktur, welche Wanderhindernisse gibt es im Gewässer?), chemisch-physikalischer Parameter (wie z.B. Wassertemperatur, Sauerstoff, Ammonium, Phosphat) und bestimmter Schadstoffe, die im Gewässer enthalten sein können (z.B. Pflanzenschutzmittel oder Schwermetalle). Daraus lässt sich der ökologische und chemische Zustand eines Gewässers ableiten. Außerdem überwacht das HLNUG das Grundwasser hinsichtlich der Grundwassermenge und chemischer Parameter (insbesondere Nitrat und Pflanzenschutzmittel).Weisen die Messwerte auf Defizite eines Gewässers hin, leitet das HLNUG zusammen mit den Wasserbehörden geeignete Maßnahmen zur Verbesserung des Gewässerzustandes ab. (Die Umsetzung dieser Maßnahmen liegt in der Verantwortung der Wasserbehörden.)Das HLNUG hat außerdem die Aufgabe, die gesammelten Daten, auch zu den vorgesehenen Maßnahmen, zu verwalten und zu pflegen und die Öffentlichkeit über Gewässerzustand und geplante Maßnahmen zu informieren (insbesondere über den Viewer unter wrrl.hessen.de).

     

  2. Wo glauben Sie liegen die größten Herausforderungen bei der Umsetzung der WRRL?

    Auf die Gewässer herrscht ein hoher Nutzungsdruck, der es erschwert, Maßnahmen zur Gewässerrenaturierung umzusetzen. Eine Herausforderung ist zudem, genügend Flächen um das Gewässer bereitzustellen, um eine eigendynamische Gewässerentwicklung und den Hochwasserschutz zu gewährleisten. Wasserkraftanlagen erschweren die Wiederherstellung der Durchgängigkeit eines Gewässers, außerdem gestaltet sich die Verkürzung bzw. Entfernung von Stauräumen als schwierig. Es ist zudem schwer, gerade in dicht besiedelten Regionen mit hohem Abwasseranfall die Abwässer so gut zu reinigen, dass im Gewässer keine Schäden entstehen. 

  3. Was erhoffen Sie sich von dem Projekt NiddaMan?

    Von dem Projekt erhoffen wir uns eine sektorübergreifende Analyse des Gewässers und neue Erkenntnisse, die uns helfen, das Gewässer in einen naturnahen und guten Zustand zu versetzen. Außerdem sind eine praxisnahe Maßnahmenkonzeption sowie Lösungsansätze beim Umgang mit Nutzungskonflikten wertvolle Erkenntnisse. Durch das Projekt erhoffen wir uns weiterhin, dass die Akzeptanz notwendiger Maßnahmen in der Öffentlichkeit erhöht wird.

Regierungspräsidium Darmstadt

  1. Die Europäische Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) geht in die zweite Runde: Wo steht die Nidda Ihrer Meinung nach und wie wird sie sich in den nächsten Jahren verändern?

    In den letzten Jahrzehnten wurden bereits große Anstrengungen im Bereich Gewässerschutz zur Verbesserung der Gewässergüte und –struktur der Nidda unternommen, die eine Verbesserung des Zustands erreicht haben. Es zeigt sich aber, dass der gute ökologische Zustand als Zielvorgabe der Wasserrahmenrichtlinie noch nicht erreicht worden ist. In den nächsten Jahren müssen an der Nidda insbesondere Maßnahmen zur Gewährleistung der Durchgängigkeit, zur Aufwertung der Gewässerstruktur und zur Verbesserung der Gewässergüte umgesetzt werden, um weitere Schritte hin zu einem guten Gewässerzustand zu verwirklichen.

  2. Die Nidda in einen naturnahen Fluss zu verwandeln ist das oberste Ziel dieses und anderer Projekte. Wo glauben Sie liegen die größten Herausforderungen bei der Umsetzung der WRRL?

    Neben dem Finanzbedarf zur Maßnahmenumsetzung und der Bereitstellung von ausreichenden Flächen für eine verbesserte Gewässerentwicklung liegen die besonderen Herausforderungen in dem Erkennen der Wirkungszusammenhänge, die das Ökosystem Gewässer negativ beeinflussen. Die Wechselwirkungen der strukturellen und stofflichen Einflüsse auf ein Gewässer bedürfen einer umfassenden Betrachtung und müssen die Grundlage für eine integrierte Gewässerentwicklung bilden. Nur so kommen wir weiter voran die ambitionierten Ziele der Wasserrahmenrichtlinie annähernd zu erreichen.

  3. Was erhoffen Sie sich von dem Projekt NiddaMan?

    Das Projekt NiddaMan soll helfen, diese Wechselwirkungen besser zu verstehen und damit einen wichtigen Beitrag für die Aufstellung geeigneter Gewässerentwicklungskonzepte zu leisten. Mit den aus dem Projekt gewonnen Erkenntnissen erhoffe ich mir, dass viel gezielter die notwendigen Trittsteine in einem Gewässer geschaffen werden können, um den Prozess der Gewässerrenaturierung anzustoßen.    

Wetteraukreis

  1. Welche Aufgabe hat der Wetteraukreis im Projekt Nidda?

    Zu den Aufgaben gehören vor allem die Durchführung von Behördendialogen und der Aufbau eines regionalen Netzwerks „NiddaNet“. Im Rahmen der Behördendialoge ermitteln wir zunächst, wo innerhalb und zwischen Behörden Defizite auftreten, beispielsweise bei der Umsetzung von Renaturierungsmaßnahmen. Dies erfolgt mittels qualitativer Interviews. Gemeinsam mit den verschiedenen Vertretern überlegen wir dann, an welchen Stellen Verbesserungen notwendig sind. Dies können beispielsweise die Schaffung von Austauschforen oder Vorschläge im Bereich der Zuständigkeit sein.

    „NiddaNet“ hat das Ziel, während der Projektlaufzeit Strukturen zu schaffen, die über die Projektdauer hinaus wirken. In einem ersten Schritt wurden potentielle Sponsoren sowie mögliche Träger und Partner ermittelt. Mögliche Aufgaben dieses Netzwerks könnten beispielsweise die Weiterführung der Bürgerinformationsreihe NiddaTalk und der Weiterbetrieb der Mitmach-Plattform NiddaLand sein.

  2. Wo liegen die größten Herausforderungen bei der Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie (WRRL)?

    Größte Aufgabe ist die Verankerung der Notwendigkeit in den Köpfen der Beteiligten und der Bevölkerung. Die Wertschätzung kann mit mehr Informationsarbeit gesteigert werden und fördert auch die Investitionsbereitschaft für Verbesserungen der Gewässer.

    Eine weitere große Herausforderung ist die langfristige Finanzierung von Maßnahmen. Dies gilt für die Fließgewässer, aber auch für den Abwasserbereich.

  3. Was wünschen Sie sich, als Zuständiger des Wetteraukreises, persönlich für die Zukunft der Nidda?

    Dass die bisherige Entwicklung weitergeht. Dies ist in renaturierten Gewässerabschnitten schon zu sehen. Aber gerade aufgrund der stofflichen Belastung ist noch viel zu tun!